Das personifizierte Übel?
In einem AntiRep-Reader beim Fußball führt natürlich kein Weg an den „Szenekundigen Beamten“ (kurz SKB, offiziell „Szenekundige Beamtinnen und Beamte für Problemfans im Bereich Sport“) vorbei, welche aufgrund ihrer personellen Konstanz und ihrer repressionstechnischen Relevanz auch immer wieder ins Blickfeld diverser Ultragruppen geraten.

Stadion, Straße, Stadtzentrum: Der Aufgabenbereich der SKB
Seit Anfang der 80er Jahre, also schon bevor mit der Verabschiedung des „Nationalen Konzeptes Sport und Sicherheit“ (NKSS) 1993 ein Meilenstein in der Bekämpfung der sogenannten „sogenannten Fans“ gesetzt wurde, setzt die Polizei in der Bundesrepublik Deutschland SKB zur Erkenntnisgewinnung über Strukturen und Akteur_innen in den Fußballfanszenen ein. Diese treten in ziviler Kleidung auf und beobachten die von ihnen als potenzielle Störer_innen ausgemachten Fans nicht nur im Stadion, sondern versuchen sie möglichst immer auch auf den Anreisewegen zu Auswärtsspielen zu begleiten. Ihr ziviler Auftritt soll den SKB helfen, Zufallsgespräche mitzubekommen, die zum Beispiel für die Ermittlung von Pyroman_innen oder bekanntermaßen besonders erlebnisorientierten Fans hilfreich sind. Bedauerlicherweise kann selbst bei Szenemitgliedern, welche in den Strukturen der Ultra`- oder anderen „unbequemen“ Fangruppen integriert sind und Zugang zu den Informationen haben, auf die die Polizei aus ist, keineswegs davon ausgegangen werden, dass alle die Polizist_innen als solche zu identifizieren in der Lage sind. Gerade in der Nähe von ins Gespräch vertieften jüngeren Ultraorientierten werden da schon mal die Ohren lang. Aber auch die direkten Gespräche, zumeist mit „friedlichen“, nicht organisierten Fans, gehört genauso wie der selbstverständliche Austausch mit den Fan- und Sicherheitsbeauftragten der Vereine und auch den Mitarbeiter_innen der Fanprojekte zu den üblichen Arbeitsmethoden, wobei den SKB hierbei nach eigener Aussage strategisch geschickt angeeignetes sportliches Wissen zugute kommen kann. Liebend gern würden die SKB auch mit den Ultras selber im regen „Informationsaustausch“ stehen, doch das wird von den meisten Gruppen aus verschiedenen Gründen abgelehnt. Diese können beispielsweise das fehlende Vertrauen in die Einhaltung der mit der Polizei gemachten Vereinbarungen, die Erkenntnis, dass bestimmte Positionen einiger Fangruppierungen argumentativ nicht zu verteidigen sind oder auch die grundsätzliche Ablehnung der Polizei sein.
Die SKB wirken an den Spieltagsvorbesprechungen mit (Einstufung der Begegnung als Spiel mit beziehungsweise ohne erhöhtes Risiko, Koordinierung der Strategie etc.), sind während des gesamten Spieltages präsent und nehmen natürlich auch an den Nachbesprechungen teil, wobei sie bei den Besprechungen hierarchisch unter den Einsatzleiter_innen und Polizeiführer_innen anzusiedeln sind. Ebenso wirken sie an den Voraus- und Verlaufsberichten der Sicherheitsorgane mit. Somit stellen die SKB einen nicht unwesentlichen Faktor unter anderem in der Konstruktion von Gefahrenlagen dar.
Und auch viele Stadionverbote und Einträge in der nicht nur unter Fans, sondern auch unter Datenschützer_innen und Jurist_innen äußerst umstrittenen Datei „Gewalttäter Sport“ (welche unlängst vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg für rechtswidrig erklärt wurde) in der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS) im Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste der Polizei Nordrhein-Westfalen sind auf die „Zivis“ zurückzuführen. Im Falle der Stadionverbote ist die Arbeit der Szenekundigen Beamt_innen allerdings noch nicht mit dem Vorschlagen und Durchsetzten (ein SV rechtskräftig Aussprechen können bekanntermaßen nur Fußballvereine und –verbände) eben dieser gegen auffällig gewordene Personen erledigt, auch die Überwachung dieser, inklusive der Option zusätzlich Stadtverbote und ähnliches auszusprechen, liegt primär in ihrer Hand, schließlich macht man sich mit dem Betreten eines Stadions trotzt laufendem Stadionverbot strafbar.
Auch wenn der Hauptaufgabenbereich der SKB im Gegensatz zu dem der Hundertschaften der Bereitschaftspolizei im Beschaffen, Sammeln, Auswerten und Weiterleiten von Informationen (zum Beispiel über Größe und Gewaltpotential der Szene, Hierarchien, Verhältnis zu anderen/gegnerischen Fangruppierungen oder auch über eventuell geplante Aktionen wie beispielswiese Pyroshows) liegt, gehört auch das Verhindern von „Störungen“ und strafrechtlich relevanten Taten durch präventives Einwirken auf die Fans, sowie bei ausbleibendem Erfolg die Verfolgung von Täter_innen zu ihren Pflichten.

Rund 140 SKB, welche mittels Lehrgängen an Polizeiakademien aus- und weitergebildet werden, sind bundesweit von der ersten Bundesliga abwärts bis in den Amateurfußball (nur wenn dort organisierte Fans auftreten) im Einsatz, im Durchschnitt zwei pro Verein (Stand 2006, heute mehr).
Ob die SKB ihre Arbeit im Fußballumfeld neben- oder hauptamtlich ausüben, entscheiden die einzelnen entsendenen Polizeibehörden. Hauptamtliche SKB tragen übrigens die offizielle Bezeichnung „Sachbearbeiterin Szenekundige Beamtin“ beziehungsweise „Sachbearbeiter Szenekundiger Beamter“. Am Rande bemerkt: Es gibt auch ein sogenanntes „SKB-Team Deutschland“, bestehend aus 14 von der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze ausgewählter SKB der Länderpolizeien und einer_einem Einsatzkoordinator_in der ZIS, welches die oben genannten Aufgaben bei Länderspielen der Deutschen Nationalmannschaft und auch bei anderen internationalen Partien wahrnimmt, natürlich nicht immer in voller Besatzung.

Wenn du die Welt ändern willst, ändere auch dich selbst
Der Einsatz der SKB ist in den Augen der Polizei ein voller Erfolg! Und die Einschätzung, dass durch den Einsatz der zivil auftretenden Polizisten mit Hauptaugenmerk auf uns Fußballfans viele Informationen über uns gewonnen und verwendet werden konnten und können, die alleine durch das Abstellen von Bereitschaftspolizei nicht erlangt werden würden, wird von uns geteilt.
Die in Szenekreisen übliche Bezeichnung „Szeneunkundige Beamte“ kann da auch nicht drüber hinwegtäuschen, die Bezeichnung ist nur insofern nachzuvollziehen, dass die SKB zwar von vielen von uns die Daten kennen etc., sie uns aber nie wirklich „verstehen“ werden.

Wie konnte es aber soweit kommen?

Zumal davon auszugehen ist, dass all diese Informationen, die von uns eigendlich genauso geschützt und verteidigt werden sollten wie unsere Fahnen, auf den oben beschriebenen Wegen zusammengetragen wurden (und nicht durch Telefonabhörungen oder ähnliches).

Hier sind die Probleme – wie so oft – wieder bei uns selbst zu suchen.
Wir müssen mit unseren Daten sensibler umgehen. Zum Beispiel ist es äusserst kontraproduktiv mit irgendwelchen illegalisierten Aktionen öffentlich rumzuprollen.
Aber auch abgesehen von illegalisierten Aktionen gilt: Es gibt keine unwichtigen Informationen, auch wer sich immer mit wem zum Saufen trifft, hat Relevanz!
Auch ist es in unseren Augen nicht nachvollziehbar, wie jemand der sich Ultra‘ nennt, also einer dem eigenen Selbstverständnis nach (überwachungs-)kritischen, rebellischen Kultur zugehörig fühlt, sich selbst auf diversen sozialen Netzwerken im world wide web so bloßstellen kann, wie einige es praktizieren.
Genauso ist Solidarität ein Muß. Das wird zwar schon oft gepredigt, aber man kann gar nicht oft genug wiederholen, wie wichtig Zusammenhalt ist.
Sowohl innerhalb der Szene eines Vereins, und innerhalb der gesamten Ultraszene, als auch darüber hinaus.
Des weiteren ist die Fußballfanszene eine, in der Gerüchte und Informationen extrem schnell die Runde machen. Das muss ja an und für sich nichts schlechtes sein, aber Informationen, welche eigentlich innerhalb unserer Strckturen bleiben sollten, finden in den wissbegierigen SKB leider nur allzu oft interessierte Mithörer_innen.
Auch die Aufklärung des Nachwuchses kann nicht damit als erfolgreich beendet erklärt werden, dass die jungen Leute (falls sie die Zivis überhaupt erkennen) den SKB ein verächtliches „ZIVISCHWEINE RAUS“ an den Kopf werfen.
Und uns allen sollte klar sein: Auch wenn wir weiterhin unter staatlicher Repression zu leiden haben werden, wenn wir auf überflüssige „Riots“ verzichten, sollten wir die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Aktionen nicht nur der Polizei und den SKB, sondern auch uns selber stellen. Denn auch wenn „Ausschreitungen“ ihren Reiz haben können und die Emotionen mal mit einem durchgehen, müssen wirklich Ultras/Fans eines anderen Vereins, die einem über den Weg laufen, angegriffen werden? Neben der Frage ob man dabei das zu Schaden kommen „Unbeteiligter“ vor sich selber verantworten kann, ist es Fakt, dass ein Staat, der sich selber das Gewaltmonopol zugeschrieben hat, derartige Szenen mit seiner eigenen Gewalt zu unterbinden versucht.
Und zuletzt, um den Bogen zu schließen und wieder explizit auf SKB einzugehen: Täuscht der Eindruck, oder haben viele Ultras hierzulande tatsächlich keine andere, weiterführende Kritik an den SKB, außer dass diese bestimmte Leute oder Gruppen nicht zu mögen scheinen und diese deshalb schikanieren? Wir wollen weder behaupten, dass Eure Beobachtungen trügen, noch würden wir diese manchmal vielleicht willkürlich anmutenden Schikanen gutheißen. Aber glaubt WIRKLICH jemand, dass die Zivis bestimmte Leute/Gruppen aus PERSÖNLICHEN Gründen aus dem Stadion drängen wollen? Und der angemessene Umgang mit den Zivis oder Polizist_innen allgemein deshalb die Beleidigung dieser nur ausführenden Organe sein müsste?
Ist euch also nie der Gedanke gekommen, dass die Zivis nicht als „Zivischweine“, sondern tatsächlich als Vertreter_innen dieses selbst von vielen Ultras immer wieder beschworenen Rechtsstaates unsere Freiräume einschänken? Und zwar nicht weil sie neidisch auf eure superteuren Markenklamotten sind, sondern weil unser selbsterwählter „Freiraum“ in den Augen des Rechtstaates, der den Schutz von Eigentum und dem daran gebundenen Hausrecht und damit Stadionverboten zu seinen obersten Prioritäten zählt, im Besitz Anderer ist?
Falls nicht, wird es mal Zeit sich Gedanken zu machen und der Losung „Fußball bleibt Fußball, Politik bleibt Politik“, die durch ihre ständige gebetsmühlenartige Wiederholung auch nicht wahrer wird, den Rücken zu kehren und den eigenen Horizont zu erweitern!

„Hoolbertus und Krawalter“
Die beiden wichtigsten hannoverschen Zivis heißen Hubertus Gleitze und Walter Garwehns, sind beide altersmäßig in den 50ern und auch schon entsprechend lange im Bereich Fußball als Polizisten aktiv.
Seit über 25 Jahren sind sie als SKB für den Hannoverschen Sportverein von 1896 zuständig, seit dem letzten Bundesligaaufstieg 2002 hauptamtlich. Bis dahin waren sie parallel noch im Jugendbereich tätig.
Die beiden werden auch „Suffzivis“ genannt und es gibt Leute, welche es als erwiesen ansehen, dass „Hubi und Walter“ Alkoholiker sind. Was wir von dieser Art der „Kritik“ halten, ist weiter oben zu lesen… Auch wenn es stimmen mag, ist ganz bestimmt nicht darin das Problem zu suchen.
Es gehört übrigens zum Aufgabengebiet der beiden 96-Fans, neben „Gewalt und Störungen“ beim Fußball auch Rechts- und Linksradikale Gruppierungen (durch Präventionsarbeit etwa an Schulen) zu bekämpfen.
Ausser den Beiden gibt es in Hannover auch weitere Zivilpolizist_innen der Bundespolizei.