Repression wirkt auf vielen Ebenen. Und das ist auch so gewollt. Über die Parallelen – aber auch die Differenzen von politischem Widerstand und „unpolitischem“ Protest berichtet Safety First! Dieser Text ist eine von uns auf den Fußball angepasste Version. Der Originaltext ist von Joanna Rivas und erschien in der von der Gruppe Fels (Für eine linke Strömung) aus Berlin herausgegebenen Zeitschrift Arranca #37 vom Herbst 2007.

Wer zum Fußball fährt ist zwangsläufig auch mit Repressionen konfrontiert. Diese äußern sich auf verschiedenen Ebenen. Das martialische Auftreten der Polizei in Schwarz (zum Teil mit Sturmhauben), dauerhafte Videoüberwachung, das pure zur Schaustellen von Wasserwerfern oder anderen Polizeifahrzeugen, willkürliche Personenkontrollen und die gezielte Desinformation der Medien. Dies alles schafft, neben dem expliziten Nutzen der einzelnen Vorgehensweisen für die Bullen, ein Klima der Einschüchterung. Doch neben dieser atmosphärischen Bedrohung ist auch gezielte Traumatisierung durch Gewalt Teil der polizeilichen Repression. Immer wieder werden schon am Boden liegende Menschen weiter verprügelt, ebenfalls ist es keine Seltenheit, dass inhaftierte Menschen weiterhin körperlich angegangen werden. Des Weiteren ist bekannt, dass sich Gefangene zum Teil komplett entblößen mussten und dies in Räumen in denen auch Mensch anderen Geschlechts zugegen waren.
Die Strategie der Repression äußert sich somit nicht nur Physisch sondern eben auch Psychisch. Die Cops schlagen Fans zusammen und viele von uns bekommen Angst. Uns soll somit bewusst werden, dass wir immer wieder dem Risiko ausgesetzt sind nicht nur körperliche Verletzungen zu erfahren, sondern in diesem Zusammenhang auch psychische Traumata erleiden zu können. Ein Ziel solcher Angriffe ist eine gefügige Masse an Fans zu formen, in der keiner aus der Reihe tanzt.
Traumatisierung einzelner soll allgemein abschrecken und das staatliche Gewaltmonopol im Bewusstsein jeder_jedem einzelnen zementieren in dem Handlungsunfähigkeit und Ohnmacht gegenüber staatlicher Herrschaft entsteht. Deshalb ist es wichtig für uns alle zu wissen wie man sich vor solchen Angriffen schon im Vorfeld schützen kann. Um dem entgegen zu wirken bzw. Strategien zu entwickeln ist es von Nöten, Kenntnisse über Traumatisierung und dessen Folgen für Betroffene und Umfeld, zu kennen. Uns ist durchaus bewusst das Traumatisierungen in der hannoverschen Fanszene bisher nicht thematisiert wurden. Wir gehen aber davon aus, dass traumatische Folgen von Gewalt an der Tagesordnung sind, diese aber nicht wahrgenommen oder generell ignoriert bzw. ausgeklammert werden da in der Szene ein relativ großer Gewaltfetisch herrscht.

Fußball als Nationalsport (in Deutschland) ist auch immer ein Aushängeschild der Nation (z.B: WM 2006). Somit wird ein besonderer Wert darauf gelegt Störer_innen (in welcher Form auch immer) dem geschehen fern zu halten. Trotzdem sollte klar sein das wir als Fußballfans nicht in genereller Opposition zum Staat stehen, somit sind gewisse Dinge die hier aufgezeigt werden nicht zwangsläufig Alltag oder im Zusammenhang mit Fußballveranstaltungen existent. Linke Politikzusammenhänge trifft es da härter. Sobald wir uns aber als politisch progressiv verstehen und als solche handeln, kann von einer ähnlichen Härte ausgegangen werden, wie hier beschrieben.

Was ist ein Trauma?
In einer traumatischen Erfahrung wird mit allen Sinnen wahrgenommen, einer außergewöhnlich bedrohlichen Situation schutzlos ohne Handlungsmöglichkeiten ausgeliefert zu sein. Angst, Kontrollverlust und Ohnmacht überfluten das Erleben. Neurophysiologisch befindet sich der Körper in einer massiven Erregungssituation für die es kein Ventil gibt, dass Bild von sich selbst als Mensch mit Handlungsmöglichkeiten in einer beeinflussbaren Welt wird dauerhaft erschüttert. Die überwältigende Situation muss nicht selbst erlebt sein -auch die Ohnmacht, einem anderen Menschen nicht helfen zu können, kann als Trauma wirken. Es kann sogar ausreichen, sich mit den Erlebnissen anderer auseinanderzusetzen (=sekundäre Traumatisierung). Wenn sich belastende Ereignisse im Leben häufen, können sich diese addieren und zusammenfassend traumatisch auf die Seele der Betroffenen einwirken (=akkumulierte Traumata). Ein altes Trauma kann aufgrund eines Auslösereizes in der Gegenwart (=Trigger) aktiviert werden. Ist der Mensch wieder ohnmächtig diesen Gefühlen ausgeliefert und kann sie nicht bewältigen, kann die Erinnerung erneut traumatisch wirken (=Retraumatisierung).

Folgen von Traumatisierung
Nach einer traumatischen Erfahrung befindet sich ein Mensch in einem psychischen Schockzustand, der mehrere Wochen anhalten kann (=akute posttraumatische Belastungsreaktion). Alles ist durcheinander, man fühlt sich betäubt, verletzt, unterliegt Stimmungsschwankungen wie z.B. unkontrolliertem Weinen, Aggressionsausbrüchen etc., mag ständig oder gar nicht über das Erlebte sprechen, hat das Gefühl, neben sich zu stehen oder die Umwelt nur noch verschwommen wahrzunehmen, kann nicht schlafen, hat Alpträume, der Körper ist massiv erregt und unter Spannung. Diese psychische Stressreaktion kann sich zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln, wenn keine Möglichkeit zur Bewältigung besteht. In der Traumatheorie wird dies als strukturelle Dissoziation verstanden. Dissoziation ist eine Möglichkeit des Schutzes in einer traumatischen Situation. Sie ist eine Störung oder Veränderung der integrativen Funktion von Gedächtnis, Identität, Emotionen und Bewusstsein. Dissoziation und Assoziation bilden die Pole eines Kontinuums. Alle Menschen haben die Fähigkeit, zu dissoziieren und tun dies mehr oder weniger wie beispielsweise in Tagträumen oder automatisierten, nicht mehr bewussten Handlungsabläufen. Ein Beispiel für eine „Schutzdissoziation“ ist das von Überlebenden von sexuellem Missbrauch häufig geschilderte Phänomen, während des Übergriffes den eigenen Körper zu verlassen und sich das Geschehen von außen anzuschauen. Das ist der Schutz davor, von den schrecklichen Gefühlen überrollt zu werden und damit eine sinnvolle Umgangsstrategie: „Es“ passiert dem Körper und nicht mir. Wenn es keine Möglichkeiten gibt die dissoziierten Bereiche über Assoziation wieder in die Persönlichkeit zu integrieren, kann sich die ursprünglich sinnvolle Überlebensstrategie in der Persönlichkeit strukturell verankern. Dann teilt sich die Persönlichkeit auf in einen Anteil, der im Alltag funktioniert und in einen oder mehrere „emotionale“ Anteile, die die Erlebnisse hüten und im Inneren des Menschen unbewusst aktiv sind. Zentrales Element psychischer Traumata ist die Spannung zwischen dem Wunsch, sie laut auszusprechen. Sozialer Rückzug und depressives „Nicht-fühlen“ vermeiden den Kontakt mit Auslösereitzen oder den emotionalen Anteilen. Rauschmittel und süchtiges Essen dienen der Betäubung. Selbstverletzendes Verhalten oder Erbrechen bieten ein Ventil für die Innere Spannung oder die Möglichkeit, doch wieder etwas zu fühlen und den Körper zu spüren. Die gespeicherte psycho-vegetative Erregung äußert sich in Unruhe, Schlaflosigkeit, Panikattacken und Angst. Diese wiederum führen zu Vermeidung und Rückzug. Die emotionalen Anteile tauchen durch Auslösereize oder in Alpträumen auf und drohen erneut, den Menschen zu überfluten und ohnmächtig der Erfahrung auszusetzen.

Erschütterte Aktivist_innen
Wochen oder sogar Monate nach dieser krassen Situation geht auf einmal nix mehr. Sirenen heulen im Ohr, zusammenzucken, Auswärtsfahrten und Demos machen Angst? Shit mir ist doch selbst nichts passiert, ich stand doch nur daneben.
Hätte ich was tun können, die Genoss_in rausziehen? Ich war zu feige, ich bin echt scheiße; nicht aufstehen wollen. Ein Bier nach dem nächsten. Alpträume, immer dieselbe Szene. Bullen, dazwischen mein prügelnder Vater; Wegdrängen, weitermachen. Bloß nicht drüber reden. Die fragen der Genoss_innen, was ist denn mit dir los? Alles zu viel, lasst mich in Ruhe? Keine Lust mehr auf dieses Fußball Ding? Keine Lust auf Labern? Au Mann, du bist echt schräg drauf, krieg dich mal wieder ein? Hass, unkontrollierbarer Hass. Scheiß-Bullen, ich dreh durch, ich schlag die weg, egal wie, ist mir doch egal, wenn ich einfahre. Du gefährdest uns alle, spinnst du? Die können mich mal! Mit dem_der will ich nichts mehr zu tun haben, das ist mir zu anstrengend. Ist ja egal, macht ja eh alles keinen Sinn, was bringt denn das Ganze hier noch? Wäre ich doch nicht hingegangen, wäre das ja auch nicht passiert.

Mit einem solchen Prozess geht die psychologische Strategie der Polizei auf. Die direkt Betroffenen leiden unter den psychologischen Folgen, Bezugsgruppen sind möglicherweise überfordert und zerstreiten sich. Charakteristisch für die Folgen von Traumatisierung durch Gewalt ist, das es zu Schuldzuweisungen kommt. „Hättest du das nicht gemacht, dann hätten uns die Bullen auch nicht angegriffen!“. Weil die Täter_innen nicht unter Kontrolle zu bringen sind, disziplinieren wir uns gegenseitig. Dies ist eine typische Verarbeitung von Ohnmacht, da so wieder der Eindruck von Kontrolle entstehen kann. Entsolidarisierung und Angst vor aktivem Widerstand machen sich breit.

Wie wir mit Traumatisierung umgehen können
Traumatische Erfahrungen können nicht verhindert werden, wir können uns aber dagegen wappnen, dass diese uns als Zusammenhang lähmen. Der beste Schutz vor langfristigen Folgen einer Traumatisierung ist ein soziales Klima, in dem selbstverständlich über Gefühle und Erlebtes gesprochen und im Zusammenhang von Aktionen kein Held_innentum propagiert wird. Angst ist eine normale und verständliche Reaktion auf die Gewalt und Brutalität mit der wir konfrontiert sind. In weiten Teilen der Fanszene gilt oft das Bild der „harten Männer“ als Soll-Zustand. Es herrscht eine wilder Profilierungsdrang und oft eine Sehnsucht nach Gewalt (von Teilen der Szene). Reden über Gefühle, über Furcht, Trauer, Ohnmacht findet nicht statt weil dies als Schwäche interpretiert wird, was dazu führen kann, traumatische Erlebnisse nicht aufarbeiten zu können. Ängste werden negiert oder den anderen nicht gezeigt. Langfristig leiden Betroffene von Polizeigewalt mehr unter den emotionalen Folgen als unter den körperlichen Verletzungen. Eine sekundäre Traumatisierung kann vor allem dann wirken, wenn die Betroffenen mit ihren Gefühlen alleine gelassen werden, das Umfeld kein Verständnis hat und keine Unterstützung leistet. Dies kann eine emotional noch größere Erschütterung sein, als die Gewalterfahrung durch die Polizei, die uns als aktive Fans per se nicht überrascht. Wenn wir aber von unseren Genoss_innen keine Solidarität erfahren, wankt die Selbstsicherheit. Ganz praktisch hilft die Bildung von Bezugsgruppen, in denen besprochen wird, wie es den Einzelnen in der Gruppe geht und wo die Grenzen liegen. Ganz praktisch hilft, über das Erlebte zu sprechen und die Gefühlslagen zu klären. Oftmals kann schon das Austauschen über die Gefühle nach heftigen Erlebnissen verhindern, das die Gefühle abgespalten werden und damit Traumafolgen entstehen. Für die Bewältigung von Traumafolgen ist wichtig, mit Unterstützung sie als „Verletzung der Seele“ anzuerkennen und zu akzeptieren, dass die Psyche nun die Möglichkeit zum Heilen braucht. Das erfordert Zeit und Geduld und ist kein gradliniger Prozess. Für manche Betroffene ist es wichtig, unzählige Male über das Erlebte zu reden, so lange bis es verarbeitet ist. Sport und Bewegung können helfen ein Ventil für die im Körper gespeicherte Überregung oder dessen Spannungszustände zu finden. Allgemein werden Entspannungsübungen wie Yoga oder progressive Muskelentspannung als Eso- oder Wellnesskram belächelt. Diese können aber wichtige Unterstützung dafür sein, überhaupt wieder zur Ruhe zu kommen und schlafen zu können. Dem Mensch helfen kreative Formen des Ausdrucks wie Malen oder Schreiben, um die inneren Bilder zu verarbeiten.
Der Bezugsgruppe und Freund_innen kommt eine hohe Verantwortung zu. Für die Verarbeitung von Ohnmachtserfahrungen durch (Polizei)Gewalt ist es wesentlich, das soziale Umfeld als solidarisch, stützend und unterstützend zu erleben. Für die Betroffenen ist es sehr wichtig, ohne Leistungsdruck von außen mit vertrauten Menschen sprechen und sich annehmen zu können. Kontrollverlust und Ohnmacht sind Bestandteil von Traumatisierungen. Deshalb muss die Selbstbestimmung der Betroffenen unbedingt im Vordergrund stehen. Sie sollten auf ihr Gefühl hören, selbst entscheiden und mitteilen, was sie aktuell wollen und was nicht.
Dieser Freiraum sollte ihnen von ihrem Umfeld unbedingt eingeräumt werden. Es ist von zentraler Bedeutung, immer wieder Abstand zu gewinnen, sich eine Tagesstruktur zu geben, Alltag zu leben und zu versuchen, „normale“ Dinge tun, um aus der Opferposition herauszukommen. Die Begleitung eines Menschen bei der Bewältigung eines Traumas ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Kraft von den Unterstützer_innen erfordert. Die Konfrontation mit den Themen und der dem Trauma immanenten Energie birgt die Gefahr, selbst auszubrennen und an Traumfolgen zu leiden. Oft ist es auch für Unterstützer_innen gut, sich professionelle Hilfe zu holen oder zumindest mit anderen zu sprechen. Vor allem in der Begleitung schwer traumatisierter Menschen ist es unerlässlich, für das Gehörte und „Mitertragene“ Ventile zu suchen und gut für sich zu sorgen.

How to act with Profis?
Es kann nach einer Traumatisierung erforderlich sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Nach einem Beinbruch geht man_frau ja auch zum Arzt. Psychotherapie ist eine Leistung der Krankenkasse. Es wird nur tiefenpsychologisch fundierte Verhaltenstherapien und Psychoanalyse finanziert. Viele Therapeut_innen haben Zusatzausbildungen in traumatherapeutischen Methoden. Um den_die Therapeut_in als Menschen und das eigene Gefühl im Kontakt prüfen zu können, bezahlen die Kassen fünf Erstgespräche pro aufgesuchte_r Therapeut_in. Erst dann muss ein Antrag auf Finanzierung der Behandlung gestellt werden. Diese Zeit sollte genutzt werden, dem_der Therapeut_in Löcher in den Bauch zu fragen über Arbeitsweisen, Einstellungen und was immer für eine_n selbst relevant ist. Nur dann, wenn man sich mit allem Eingebrachten wahr- und ernst genommen fühlt, sollte man sich bei dem Menschen für eine Behandlung entscheiden. Das Allerwichtigste bei der Psychotherapie ist nicht die Methode sondern eine gute Beziehung zum behandelnden Menschen.
Der Mensch, dem man_frau sich anvertraut, sollte mit der Machtsituation und dem Erzählten verantwortungs- und respektvoll umgehen, eine professionelle Distanz wahren und nicht in eine Richtung drängen.

Nachzulesen unter: http://arranca.org/ausgabe/37/repression-auf-psychischer-ebene
Fels Berlin http://fels.nadir.org/

Literatur
Huber, Michaela (2005): Trauma und die Folgen. Jungfermann-Verlag.
Judith Hermann (2003): Die Narben der Gewalt. Traumatische Erfahrungen verstehen und überwinden. Jungfermann-Verlag.
http://outofaction.net
http://avtivist-trauma.net