Über Gewaltdebatten in der Ultrà-Szene, wie sie verlaufen und wie damit gut umgegangen werden kann. Von der Gruppe Safety First!

In diesem Text wird es darum gehen, dem Kontext von Fußball-(Fan) Gewalt auf den Grund zu gehen, die Haupt-Diskussionsstränge aufzuzeigen und einen dritten Weg in der Debatte einzufordern.
Wenn wir von Gewalt sprechen, dann meinen wir in diesem Zusammenhang physische Gewalt, wohl wissend das Gewalt immer auf mehreren Ebenen, zum Beispiel auf psychischer Ebene wirkt. Auf die Aspekte der weiteren gewalttätigen identitätsstrukturierenden Mechanismen dieser kapitalistischen Gesellschaft wie Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Klassenzugehörigkeit etc., wird hier nicht eingegangen. Dieser Text versucht die Grundstrukturen der Begründungen von Fußballgewalt zu untersuchen. Damit wollen wir nicht behaupten, alle Fußballfans -und hier im speziellen: Ultràs würden auf Basis der selben individuellen Handlungsmuster agieren, jedoch basieren diese Muster auf ideologischen und strukturellen Bedingungen die hier skizziert werden sollen.

Fußball=Gewalt?!
Gewalt scheint eines der Hauptbezugspunkte für Fußballfans im Allgemeinen zu sein. Wer sich mal anschaut, worüber sich Filme oder Zeitungsartikel rund um Fußballfans drehen, wird nicht oft etwas finden das nicht mit der Gewalt unter Fangruppen, oder gegen die Polizei zu tun hat. Oder sagen wir, zumindest wird der Aspekt nie fehlen. Dabei wird von den dargestellten Personen Gewalt entweder auf eine Art gerechtfertigt, herunter gespielt oder komplett abgelehnt. Dieser Schwerpunkt entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern hat eine Logik die ein wichtiger Grundpfeiler von Fußball(Kultur) ist, wie wir später noch zeigen werden. Oder vielmehr ist das Phänomen (Fan)Gewalt als ein elementarer Bestandteil von Fußballkultur zu sehen.

Wer sich die Geschichte des Fußballs mal genauer anschaut wird herausfinden wie sich mit der Entwicklung eines Wettkampfes ohne festgelegtes Regelwerk in England im 19. Jahrhundert die Ursprünge des Fußballs herausbildeten. Ausgangspunkt war der Wettkampf zwischen Dorfgemeinschaften die sich dann bis zum Teil über mehrere Tage miteinander darum prügelten wer denn die aufgeblasene Schweinsblase in seinem Besitz hält. Wen es genauer Interessiert kann sich gerne mal das Buch „Der gezähmte Fußball – Zur Geschichte eines subversiven Spiels (1992)“ von Dietrich Schulze-Marmeling anschauen um die Entwicklung detailliert nachzuvollziehen.

Wir holen deshalb so weit aus, weil es entscheidend ist, das sich der Fußball in gewisser Weise -nach europäischem Maßstab- „zivilisierte“, dass heißt ein festes Regelwerk entstand das gewisse Verhaltensweisen unter den Spieler_innen regelt und damit die rohe Gewalt in sozial verträgliche Formen brachte. Dies bedeutete auch das zum Beispiel Dinge wie das verprügeln von Gegner_innen als Regelverstoß geahndet wurde. So konnte sich dann auch Spielfluss entwickeln, Taktiken entstanden und vor allem die Teams wurden deshalb auch begrenzt. Wir sind der Meinung, dass ein Hauptbestandteil von Fußball das Konkurrenzprinzip und eine spezielle, für den Fußball ausgehandelte Form der institutionalisierten, also in bestimmte Bahnen gelenkte Gewalt ist. Dieser Konkurrenzkampf, der von der Bundes-, bis zur Hobbyliga mit dem sozialen Aspekt des Miteinanders in Teams ausgeübt wird erzeugt eben die Anziehungskraft.
Diese Anziehungskraft hat auch mit der Strukturiertheit unseres Alltags zu tun. Kapitalismus funktioniert nun mal über die Produktion von Mehrwert und führt zu Konkurrenz in jedem menschlichen Lebensbereich. Und weil dies als quasi-naturgegeben von uns so bereitwillig ausgeübt wird, sind wir es gewohnt und ziehen dabei auch persönliche Wertschätzung aus dem Gewinnen im Konkurrenzkampf. Na klar, ist das an dieser Stelle stark verkürzt, stellt jedoch das Grundprinzip dar. Weitere Aspekte können aus Platzgründen hier nicht weiter ausgeführt werden.

24/7
Im Fußball-Alltag gibt es dabei auch unterschiedliche historische Voraussetzungen und Interpretationen dieser Gewalt. Gewaltgrenzen werden in unterschiedlichen Ländern, mit differenten Grenzen verhandelt. Wenn zum Beispiel klassischer Weise von „englischer Härte“ gesprochen wird, dann pfeifen Schiedsrichter_innen (also die Aufsichtsperson über diesen organisierten Konkurrenzkampf) erst später, oder definieren die Grenze der Regelübertretung anders als bspw. in der Bundesliga. Wenn Spieler_innen sich gegenseitig vom Platz schieben ist das Verständnis von Regelkonformität eben ein anderes. Neben den weiteren unterschieden im „Männer“-, und „Frauen“Fußball. Und damit sind die Grenzen -zwar allesamt willkürlich- aber praktisch andere. Gewalt verstehen wir hier im Übrigen als Eingriff in die körperliche Integrität von Menschen. Denn, dass ein_e Gegenspieler_in bei einem Ball„verlust“ möglicherweise umgegrätscht -> „gestoppt“ wird hat auch wieder damit zu tun was laut Fußballregeln verboten, aber nach Logik des Konkurrenzkampfes als „normal“ gilt. Denn wer will schon, dass die Gegner_innen ein Tor schießen können…

Dies setzt sich fort in der Sprache von Fußballkommentator_innen, wie dem Sprachgebrauch des „Kämpfens“ oder der Flanke. Wenn auch Ultrà-Gruppen innerhalb dieser Logik davon sprechen, dass ihr Team wieder mehr „kämpfen“ soll, oder die Spieler_innen wieder mehr „Eier“ zeigen sollten, dann ist dies Ausdruck dieser Logik. Und weil Gewalt somit ein Hauptbestandteil von Fußballkultur ist, ist es schlicht und ergreifend falsch davon zu sprechen das Fangruppen die an Gewalt interessiert sind, oder sie ausüben „krank“ oder nur „so genannte“ Fußballfans wären. Wenn gleich verschiedene Fanströmungen in unterschiedlichem Maße Gewalt tolerieren oder ablehnen.
Allerdings- und das ist das entscheidende- geht es uns nicht darum Gewalt zu legitimieren, sondern erst einmal die Logik und Wirkmächtigkeit von Gewalt im Fußball aufzuzeigen. Denn nur weil Gewalt als so selbstverständlich erscheint, können sich Menschen trotz allem auch dagegen entscheiden.

Ultràs. Spezifische Gewalt?
Über die Jahre verfolgen wir jetzt die Debatten über Gewalt im Fußball und kommen zu einigen wichtigen Erkenntnissen. Unsere Einschätzung ist, dass die Debatten über Gewalt innerhalb der Fanszene immer zwei Haupt-Diskussionsstränge haben. Zum einen die Position, dass Gewalt zum Fußball einfach dazugehöre, Ultràs um „ihre“ Stadt, „ihren“ Verein und „ihre Ehre“ und was da sonst noch so für Beschützenswert gehalten wird „kämpfen“ (sic!) müssten. Innerhalb dieser „Strömung“ ist es umstritten ob Gewalt unter der Gruppen in den Jahren verstärkt zunahm als „Selbst-erfüllende“ Prophezeiung, sozusagen als Antwort auf als stark empfundene (staatliche / Verbands) Repression verstanden werden sollte. Oder ob es innerhalb eines diffusen Ehr-Begriffes mit einer lokalpatriotischen Komponente, es einfach wichtig wäre die „anderen“ aus der „eigenen“ Stadt zu „vertreiben“ und so folgerichtig den Konkurrenzkampf auf der Straße weiter fortzuführen. Zum Hooliganismus ist dabei ein wichtiger Unterschied zu verzeichnen. Denn Gewalt unter Hooligans folgt vornehmlich dem Selbstzweck. Also dem Spaß oder Adrenalinkick zum Zwecke des Besser-fühlens.
Im Ultrà-Diskurs wir Gewalt in erster Linie als Mittel zum Zweck gesehen. Zum Beispiel das die Bullen oder Ordner_innen aus dem Block geworfen gehören, oder die „eigene“ Stadt „verteidigt“ werden müsste. Die Motivationen sind erst mal anders als bei Hooligans, die Gewalt als Selbstzweck sehen, selbstverständlich schließt das aber nicht aus, dass nicht beide Motivationen für Einzelne ausschlaggebend sein können. Wir nennen sie die „Gewalt-Absolutheitsthese“. Absolut auch deshalb, weil argumentativ diesem Ansatz in Diskursen kaum begegnet werden kann ohne den Vorwurf der „Ehrlosigkeit“, oder „nicht-mannhaftigkeit“ entgegnet zu bekommen.
Die motivationalen Begründungen von Ultrà-Gewalt hat übrigens vor allem mit der Entstehungsgeschichte von Ultràs zu tun, die in den 1970er Jahren in Italien zum einen die Aktionsformen von Gewerkschaften übernahmen um sie in die Stadien zu bringen und oftmals auch somit Militanz zum Zwecke der (politischen) Durchsetzbarkeit von Forderungen übernahmen.1

Und die dagegen gestellte Position ist die der „Gewaltlosigkeit“, denn für andere Ziele (Proteste gegen „Kommerzialisierung“, für Fanrechte etc.) wäre es schädlich wenn die bürgerliche Öffentlichkeit kein gutes Bild von „uns“ hätte. Und außerdem erhöhe dies die Repressionsmaßnahmen nur. Wir nennen sie die „Gewalt schadet höheren Zielen“ These. Damit ist die Sicht verbunden, dass Ursachen von Gewalt erstmal nicht innerhalb der Ideologie der Fußballkultur zu suchen sind und Leuten die das Gegenteil behaupten auch nicht argumentativ begegnet werden kann, sondern mit dem Argument der schlechten Außenwirkung begegnet wird. Dies bedeutet dann in der Folge, dass die Motivation gegen Gewalt zu argumentieren eine Folge des Drucks von äußeren Faktoren ist. Denn um die Leute dort „abzuholen wo sie stehen“ müsse auf einige Positionen verzichtet werden, so wie eben die Gewalt. Damit wäre dann angeblich auch eine größere politische Wirkmächtigkeit verbunden. Aktivist_innen argumentieren auch aus dieser Position heraus, dass immer nur Forderungen aufgestellt werden sollten, die auch „realistisch“ wären2. Damit wird aus einer richtigen Forderung wie Stadionverbote generell abzuschaffen, die Forderung WILLKÜRLICHE Stadionverbote abzuschaffen. Oder die Forderung nach der Abschaffung Datei Gewalttäter Sport wird zur Forderung nur die „richtigen“ in die Datei aufzunehmen.. Denn selbst für die Behörden ist es problematisch wenn so viele Menschen in der Datei stehen, das der Überblick schwer fällt, Polizei und Fans sind sich darin einig – das sollte doch verwundern..
Grundsätzliche Kritik wird so zu einem affirmativen Akt, also zu einer scheinbaren Kritik die letztlich innerhalb der bestehenden Ordnung bleibt.

Zur „Gewalt-Absolutheitsthese“
An dieser Stelle sei nochmal daran erinnert, das wir die Grundstrukturen der Annahmen aufzeigen wollen und nicht behaupten, alle Ultràs würden bewusst alle diese Annahmen teilen. Jedoch betreffen diese Begründungsstrukturen alle beteiligten Personen, sei es bewusst oder unbewusst. Sie sind sozusagen die Basis des kollektiven Handelns.
Viele jüngere Ultràs werden mittlerweile in die Ultrà-Szene hinein sozialisiert, dass es als erstrebenswert gehalten wird Gruppen anderer Vereine bei bestehenden Möglichkeiten anzugreifen. Da steht die Annahme im Vordergrund, dass die jeweils um den städtischen Verein gruppierte Ultrà-Szene für den Verein, als auch die Stadt repräsentative Funktion hat. Einhergehend mit der Annahme „Wir sind xy Stadt“ wird die Frage der Identität des Vereines auch zur Identität der „ganzen“ Stadt. Oder was man dafür hält. So fühlen sich dann die Mitglieder von Ultrà-Gruppen z.b. als „City Soldiers“ (Schickeria München) die immer und überall „ihren“ Verein zu repräsentieren hätten. Die Gleichung ist fast immer dieselbe: Stadt=Verein=Fanszene (repräsentiert in der Regel durch die größte und mächtigste Ultrà-Gruppe). Diese Gleichung stellt in diesem Fall zwischen den Bereichen eine organische Einheit her die zu einem gesamten verschmolzen ist. Und die „mangelnde“ Außenwirkung bzw. Vertretung wird zu einem echten Problem. Dies gilt auch für die Fälle in dem zwar das Team auf dem Spielfeld gewinnt, aber die „Leistung der Kurve“ schlecht ist. Der Anspruch der alleinigen Vertretung einer Stadt ist so groß, dass es bisweilen auch zu Auseinandersetzungen mit anderen Ultrà-Szenen in der selben Stadt kommt. So überkleben oder boxen sich Fußball-Ultràs mit den Eishockey-Ultràs oder den Basketball-Ultràs.

Wenn gleich an dieser Stelle die Legitimität bzw. Authentizität der nicht-Fußball-Ultràs oftmals der entscheidende Faktor in der Intention zur „Bekämpfung“ dieser durch die Fußball-Ultràs darstellt. Denn durch die Entstehung der Ultrà-Kultur in Italiens Fußballstadien und der gefühlten – oder tatsächlichen Traditionslinie wäre unvereinbar mit der von Eishockey-Ultràs. Die in dieser Argumentation in der Regel als nicht-traditionsbewusst,- oder behaftet gesehen werden. Wer mal genauer hinsieht, wird merken, dass die meisten Vorwürfe auch den Fußball-Gruppen zu machen wären. Es geht dabei immer um die tatsächliche, oder angenommene „Authentizität“.
Der Anspruch der alleinigen Vertretung scheint für Ultrà-Gruppen so selbstverständlich und unhinterfragbar zum Dogma geworden zu sein, dass es kaum vorstellbar erscheint keine Gruppenaufkleber mit dem Stadtwappen oder dem expliziten Hinweis man wäre die Stadt(vertretung) zu produzieren.
Spannend wird es auch dann wenn die Fußballvereine identitär in einem Stadtteil verortet werden und selbst dort der Vertretungsanspruch geltend gemacht wird. Deutlichste Beispiele sind die Ultras Gelsenkirchen des als explizit in der Wahrnehmung und Außendarstellung propagierten Stadtteil-Clubs Schalke 04 und auf der anderen Seite Ultrà Sankt Pauli vom FC Sankt Pauli. Die Ultras GE führten vor ein paar Jahren Merchandisingartikel mit dem Titel „Original 75“ ein, wobei die Zahlen für Buchstaben im Alphabet standen. Somit einen Anspruch Original GE, also explizit „echte“ Gelsenkirchner_innen zu sein. Mit dieser Intention begingen sie einen klaren Bruch mit der identitären Selbstverortung der Schalker Fanszene. Und auch Ultrà Sankt Pauli die sich zwar vor allem auf den Stadtteil Sankt Pauli beziehen, die aber trotz allem nicht müde werden zu betonen sie seien die „Best Ultras in Town“. Im letzteren Falle scheint es ein Legitimationsgrund zu sein, dass die Fans aus dem inner-circle der Fanszene zu einem großen Teil in Hamburg wohnen.
An dieser Stelle sei noch hinzugefügt, das es innerhalb der Fanszenen auch noch Konflikt-, und Differenzlinien gibt die mit politischem Weltbild, sexueller Orientierung, Geschlechterkonstruktionen, Rassismus, Organisierungsansätzen u.v.m zu tun haben. Diese stellen wir allerdings an dieser Stelle nicht dar, halten diese aber nicht für minder-wichtig.
Allerdings unklar ist uns an dieser Stelle warum es so wichtig erscheint gleich „die ganze Stadt“ und nicht nur „der Verein zu sein.“ Zum einen hat Fußball für die nationale als auch lokale, also kollektive Identität der BRD bzw. ihrer Bewohner_innen schon immer eine große Rolle gespielt. Man denke nur an die Wirkung des Sieges der Fußball-Männer WM 1954, die nach der gemeinsamen Niederlage des gewollten zweiten Weltkrieges wieder als eine Art Neuanfang für das Wir-Gefühl der Deutschen diente. Dies lässt sich an weiteren Stellen gut nachvollziehen, die WM 74, als auch die WM 1990, 2006 sind weitere gute (bzw. schlechte) Beispiele dafür.
Ähnlich funktioniert die gefühlte Identität bzw. die Einheit von Verein-Stadt-Land und auch so relativ reibungslos. Fußballvereine, als in der Öffentlichkeit unheimlich wichtige Institutionen erscheinen in dieser oben beschriebenen Logik recht automatisch als allgemeine Repräsentant_innen. Aufgrund dieser Wichtigkeit bürgt dann auch schon mal die Stadt für Kredite der Vereine und kann sich der Zustimmung großer Teile der Bevölkerung erfreuen. Wie bei einigen Stadion-Neubauten geschehen.

Ultrà-Gruppen knüpfen zum einen an diesem Punkt an, ergänzen das ganze aber auch noch um wesentliche Faktoren. Zum einen um den aus Italien übernommenen, starken Lokalpatriotismus bezogen auf „ihre“ Stadt. Folgerichtig haben die meisten Ultrà-Gruppen auch den Stadtnamen in ihrem Gruppennamen. Zum Beispiel die oben angeführten Ultras Gelsenkirchen die eben nicht Ultras Schalke heißen. Zum anderen den von ihnen ausgeübten Herrschaftsanspruch innerhalb der Fanszenen. In dem von den Gruppen reklamierten Autonomieanspruch, der aus der Theorielinie, der Erstarkung der Arbeiter_innen/Student_innenbewegung und der Übernahme von einigen Bestandteilen in die im entstehen begriffene Ultrà-Bewegung, die Gewalt (besser: Militanz) als Mittel zum Zweck ansieht, entstand. Denn sowohl die Polizei oder der Ordnungsdienst wird aus dem territorialen Anspruch aus der Fankurve verbannt- oder dies zumindest angestrebt, und andere Ultrà-Gruppen eines gegnerischen Vereines werden aufgrund des territorialen Herrschaftsanspruches versucht aus der Stadt „zu boxen“. Die Logik ist dabei recht simpel. Gruppe XY hat sich in „unsere“ Stadt getraut, also müssen sie mit den Konsequenzen, also der körperlichen Bestrafung rechnen.

Zur „Gewalt schadet höheren Zielen“ These
Gewalt ist diesem Diskussionsstrang erst einmal etwas das der „eigenen“ Sache zu wider steht. In der Regel tauchen diese Positionen dann auf, wenn über öffentlichkeitswirksame Aktionen gesprochen wird. Also wenn Themen wie Anstoßzeiten oder Stadionverbote politisch bearbeitet werden sollen. Dabei steht die nächste Aktion, zum Beispiel eine Demonstration im Raum. Diese soll beworben werden und dann wird fest gestellt, dass die Frankfurter_innen, Nürnberger_innen, Schalker_innen, oder wie auch immer, in den Medien durch Angriffe auf gegnerische Gruppen aufgefallen sind und das dies die Mobilisierung und die Überzeugung „der“ Öffentlichkeit von den eigenen Themen abschrecken könnte. Oder dies auch tut. Dabei wird dieser Faktor auch etwas dazu beitragen, keine Frage. Aber an dieser Stelle geht es darum, mit welchen Argumenten der eigenen Gewalt begegnet wird. Denn die Gegenposition dazu lautet schlicht, dass Gewalt ja „schon immer Teil der Fankultur gewesen“ sei und deshalb Gewalt unter den Gruppen dazugehöre und es egal wäre was „die“ bürgerliche Öffentlichkeit von einem denkt.

Damit ist aber noch kein Satz über die Erklärung der Entstehung von Gewalt gefallen. Denn wenn Gewalt vermieden werden soll um andere nicht zu verschrecken ist das Argument nicht die eigene inhaltliche Ablehnung von Gewalt, sondern es geht um einen, aus taktischen Gründen bevorzugten Verzicht. Dabei ließe sich dies aus zwei Analyseperspektiven begründen lassen. Zum einen geht mensch davon aus, dass politische Veränderungen nur dadurch zu bekommen sind, dass möglichst viele Menschen überzeugt werden müssten. Dem würden wir an dieser Stelle schon deshalb widersprechen, weil eine Gesellschaft ein Gebilde verschiedenster Interessen ist. Und diese Interessen setzen sich auch bei formeller Gleichheit vor allem mit Macht durch. Das heißt auch, dass vor allem, wenn strukturelle Grenzen dem eigenen Engagement im Wege stehen, entscheidet letztlich die Seite mit einem Machtüberschuss wie das Ergebnis aussieht. Oder konkreter, mit anderen Worten: wenn z.B. der Ordnungsdienst die Stadionordnung durchsetzen will und die Gruppen daran hindern will die verbotene Zaunfahne aufzuhängen, dann geht es darum mit welchen Möglichkeiten dies eben gegen den Willen des Ordnungsdienstes durchgesetzt werden kann. Und dies wird in der Regel nicht darüber geschehen, das mit der_dem Ordnungsdienstleiter_in geredet wird.
Insofern ist es schlicht und ergreifend eine sehr beschränkte Sicht von Gesellschaft, davon auszugehen das erst die Mehrheit der Menschen auf die eigene Seite gebracht werden müsste damit sich etwas erreichen ließe. Oder wurden besetze Häuser erst in dem Moment durchgesetzt als die Mehrheit der Bevölkerung Hausbesetzungen als legitim erachtete?! Eben nicht. Ohne an dieser Stelle leugnen zu wollen, das Solidarität aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen schlicht notwendig ist.

Zum anderen führt der rein taktische Verzicht von Gewalt immer zu einer Aufteilung der Szene in solche die in einem sozialdemokratischen Verständnis des Politik-machens „etwas erreichen wollen“ und solchen die sich nunmal boxen wollen ohne sich Gedanken darüber zu machen welche (politischen und strafrechtlichen) Konsequenzen dies für Einzelne und die Szene zur Folge hat.
Mit sozialdemokratischem Politikverständnis meinen wir an dieser Stelle, das innerhalb der bestehenden Institutionen und den gegebenen gesellschaftlichen Zuständen eigene Freiräume über Verhandlungen erreicht werden könnten. Dies verkennt jedoch die Tatsache das Freiräume bzw. eigene Handlungsspielräume immer von realer Bewegung erkämpft wurden- und auch weiterhin werden.
Diese „Spaltung“ verläuft häufig anhand der Linie von Alter-, und Länge der Szenezugehörigkeit. Denn die älteren (hier nur beispielhaft genannt, die Motivation könnte auch ein anderer Grund sein) Mitglieder haben dann offizielle Funktionen; zum Beispiel Verhandlungen mit dem Verein. Und an dieser Stelle ist das Verhältnis eben dieser delegierten Person eine sehr schwieriges. Einerseits geht es darum dem Verein zu vermitteln die eigene Gruppe wäre eben eine angenehme Gruppe mit der geredet und verhandelt werden kann und auf der anderen Seite einen Teil der Mitglieder die halt Bock haben sich zu boxen und die sich nicht „kontrollieren“ lassen wollen. So entsteht schnell die Perspektive das die Verhandlungsposition der Gruppen schlechter wird, desto bekannter die Gruppe für Gewalt gegen andere Gruppen ist. Was zwar objektiv stimmt, jedoch die delegierte Person in eine Zwickmühle bringt. An dieser Stelle kann die_der Delegiert_e auch eben nicht offen damit umgehen oder muss die Gewalt bagatellisieren. Eine andere Umgangsform wäre es auf die politisch vorhandene Motivation von Militanz3, zum Beispiel beim gewaltsamen Entfernen von Sexist_innen aus dem Block hinzuweisen und den eigenen politischen Anspruch transparent zu machen. Dies bedeutet zwar nicht unbedingt die Verbesserung der Verhandlungsposition, stärkt jedoch die Einschätzbarkeit der Gruppe für den Verein und zeugt von bewusstem, reflektiertem Handeln etc.

Eben an dieser Stelle offenbart sich die Problematik des rein taktischen Verzichts auf Gewalt gegen andere Gruppen bzw. Ultràs. Denn wenn die Kritik an der Gewalt innerhalb der eigenen Ultrà-Gruppe4 nicht zu einem Nachdenken über die ideologischen Ursachen führt, wird es die oben genannte Spaltung immer wieder geben. Und eben diese Gewalt hat ihre Ursache in der eigenen Ideologie, wie wir weiter oben versucht haben zu zeigen.

No way out? This way!
Wir haben versucht in diesem Text aufzuzeigen wie wichtig es ist die eigene ideologische Grundlage für Fußballgewalt aus Ultrà-Perspektive zu analysieren und zu verstehen. Damit ist die Basis geschaffen eine Trennung zwischen der ideologisch motivierten Gewalt und einer politisch notwendigen Militanz aufzumachen.
Wir beziehen uns auf den in dieser Broschüre abgedruckten Text zu Militanz und benutzen den Begriff in erster Linie als konsequente Strategie und Praxis die nicht Halt an bestehenden (rechtlichen) Grenzen macht. Diese Militanz könnte sich äußern in rechtlich illegalisierten Aktionen wie das Werfen von Farbbeuteln oder aber auch das Schreiben von Flugblättern, oder das Stören von Veranstaltungen. Grundsätzlich ist dabei immer zu beachten welches politische Ziel verfolgt wird. Denn unreflektiert angewendete Militanz (re)produziert in erster Linie männliches-Macker Verhalten das sich oft in einem Gewalt-Fetisch äußert. Mit den tatsächlichen oder vermeintlichen Taten wird dann oft geprahlt. Ähnlich den ständig auftretenden Geschichten der letzten Boxereien mit anderen Gruppen. Wir verwenden Militanz auch nur in dem Zusammenhang von politisch reflektierten Zielen. Damit ist die Gewalt aufgrund von Lokalpatriotismus oder der „Feindschaft“ mit anderen Gruppen nicht gemeint.

Dabei sind wir an der Stelle der Perspektive angelangt. Wir plädieren hier für die Abkehr der ideologisch motivierten Gewalt hin zu einem reflektierten Umgang mit Militanz. Zum Beispiel scheint es für viele Gruppen selbstverständlich zu sein verbal oder symbolisch militante Symbolik, vor allem aus der radikalen Linken zu verwenden. Zum Beispiel die vermummte Person mit der Zwille, oft verwendet von den Ultras Frankfurt, oder diverse Menschen die eine Vereinszeichen zertreten. Militante Ästhetik gehört also für Ultrà-Gruppen schon seit langem zum Repertoire. Auf der anderen Seite sind sie politisch unheimlich defensiv. Denn wer auf der einen Seite Slogans wie „Wir werden Siegen“ von UGE liest5 aber dann eine furchtbar defensive Bittsteller_innenposition einnimmt durch sehr vorsichtige Formulierungen in Texten oder den Aktionsformen macht eine große Diskrepanz zwischen Ästhetik und Handlung auf. Im besten Falle sollte doch beides zusammen gehen und sich einander bedingen.
Warum sollten Gruppen nicht offensiv damit umgehen und öffentlich ankündigen sich gegen ein Zaunfahnenverbot zur Wehr zu setzen und damit zum einen die eigene Handlungsperspektive zu erweitern? In der Regel passiert so etwas ja auch schon, nur eben ohne öffentliche Ankündigung. Dann werden die Zaunfahnen doch irgendwie an den Ordner_innen vorbei in Stadion gebracht und gegen deren Willen aufgehängt. Der Unterschied liegt darin, dies zu einem Politikum zu machen, anzukündigen oder im Nachhinein dies zu vertreten und selbstbewusst für Interessen ein zu stehen.

Grenzen dieser Perspektive
Gesellschaftlich bestehen an dieser Stelle vor allem die Probleme, das Fußballfans einen denkbar schlechten Ruf haben. Aus linker Perspektive ist es eben nicht zu vereinbaren eine herrschaftsfreie Gesellschaft durchsetzen zu wollen und sich gleichzeitig mit anderen „linken“ Ultràs aus „Vereinszugehörigkeit“ oder „Lokalpatriotismus“ auf die Fresse zu hauen. Und an dieser Stelle richten wir unseren Anspruch nur an sich als links verortende Ultràs. Denn die Mehrzahl der Ultràs in der BRD haben eben keinen politischen Anspruch und verursachen auch Angst bei uns wenn wir am Wochenende unterwegs sind. Denn es ist schlichtweg nicht einzuschätzen bzw. möglich sich dagegen zu wehren wenn sich rechte und/oder als unpolitisch verstehende Ultràs durch die BRD reisen, in den Zügen Leute belästigen und durch ihr Auftreten in die persönliche Autonomie eingreifen, unnötige Sachbeschädigung betreiben oder sich gegenseitig verprügeln.

Doch bei „linken“ Ultràs besteht zumindest eine Möglichkeit der Intervention mit Argumenten, denn hier lassen sich Argumentationen und Praxis an einem, durchaus selbst gesetzten linken Anspruch messen. Wir können nichts fortschrittliches daran erkennen wenn als sich „links“ verstehende Gruppen im Prinzip so Verhalten wie „unpolitische“ Ultràs, nur das sie auch noch Nazis auf die Fresse hauen, statt Punks, oder „alternativ “ aussehenden Jugendlichen. Neben der seltsamen Art andere „linke“ Ultràs auf Demos oder bei anderen Anlässen anzugreifen, die wir zwar ideologisch erklären, jedoch niemals akzeptieren werden.

Wir wollen darauf hinaus, dass es eben keinen Sinn macht sich ständig mit Ultrà-Gruppen zu solidarisieren die versuchen sich nicht mal an zivilisatorische Mindeststandards zu halten, nur weil man eben auch die Selbstbezeichnung „Ultràs“ trägt. Ein gutes Beispiel war dabei auch vor ein paar Jahren die Solidarisierung mit Julien Quemener, einem Ultrà der rechten Gruppe Boulogne Boys aus Paris, der mir einigen anderen nach einem Spiel Fans von Hapoel Tel Aviv aus antisemitischen Gründen verfolgten und der dann von einem Polizisten erschossen wurde6. Das heißt im Umkehrschluss nicht es gut zu heißen das Personen erschossen werden. Sondern das eine seltsame Solidarisierung mit der Perspektive „es traf unsere Bewegung“ aufgemacht wurde, diese war Losgelöst von den politischen Motivationen und machte eine schlichte Dichotomie „Wir“ gegen die „Bullen“ auf.
Was macht es für einen Sinn, außer der Bildung von diffuser Kollektiv-Identität sich mit Antisemit_innen zu solidarisieren?
Denn entscheidend sind die Motivationen aus denen Gruppen handeln und es gilt diese an ihren selbst gesetzten Standards zu messen. Wer will sich denn aus linker Sicht mit Gruppen die sexistisch, rassistisch, homophob oder antisemitisch verhalten, solidarisieren? Sind dies Leute mit denen sich politisch dieselben Ziele erreichen lassen?
Entgegen der weit verbreiteten Meinung sind dabei auch fanpolitische Themen nicht frei von politischen Perspektiven. Denn wer zum Beispiel fordert die Bewegungsfreiheit im Stadion soll so groß wie möglich sein, um dann damit vor allem den Raum dafür zu öffnen, dass sich Gruppen dann auch (wieder) innerhalb der Stadien angreifen können, öffnet anti-emanzipatorischen Verhaltensweisen die Tür. Oder auch die Forderung nach dem Verzicht auf die Kontrolle und Anmeldung von Spruchbändern. Wenn dann eine rechte Gruppe ihr Spruchband mit antisemitischem Inhalt hochhält, weil es eben nicht vom Verein kontrolliert wurde, wie ist damit umzugehen?

An dieser Stelle geht es nicht darum für irgendwelche Seiten mehr Repression zu fordern. Sondern darüber nachzudenken aus welchen Gründen welche Gruppen was fordern und was machen, wer potenzielle Bündnispartner_innen sind und was die Konsequenz aus den Forderungen wären. Die oben eingeforderte offensive Strategie von „linken“ Ultràs würde auch einen höheren Repressionsdruck verursachen, so ist es wichtig die eigenen Mitglieder zu schützen (vergleiche die ausführlicheren Texte in dieser Broschüre). Dabei spielt es vor allem eine Rolle die eigenen Motivationen für politisches Engagement zu reflektieren, öffentlich zu machen und zur Diskussion zu stellen.
Erst dann eröffnet sich die Perspektive überhaupt über gesellschaftliche und inner-Fußballerische Veränderung nachzudenken.

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Fußnoten:
1. Vgl. Ballesterer Fußballmagazin Ausgabe 14 | September 2004.
2. Wobei zu klären wäre, was denn „realistisch“ sein soll.
3. Das führen wir an anderer Stelle genauer aus.
4. BFU sagt zwar es heißt: „UltràS-Gruppen“, ist uns aber egal.
5. Den wir übrigens ziemlich gut finden.