>>Es geht um die Gesellschaft, wenn wir von Fußball reden< < B.A.F.F.
Über Fußballstadien als politischer Raum und Formen von Solidarität. Von der Antifaschistischen Aktion Hannover [aah].

Im Zuge des Aufkommen der Ultrà-Bewegung politisierten sich im Verlaufe der letzten Jahre viele junge Fußballfans quer durch die Vereine in der Bundesrepublik. Ihnen ging es es nicht mehr alleine um das Anfeuern des eigenen Vereins, sie sind unbequem, engagieren sich zum Teil bei antirassistischen Aktionen, agitieren gegen Naziumtrieben in den Kurven oder starten Initiativen gegen den modernen Fußball, Kommerzialisierung und für die Stärkung von Fanpositionen. Es gelingt den Ultras also an vielen Orten über den Support des eigenen Teams hinaus, weitere und teilweise klar politische Aktivitäten* zu entfalten.
Gegen den modernen Fußball heißt Kampf dem Kapital!
Ganz so einfach ist es nicht, doch der Widerstand bzw. der „Kampf gegen den modernen Fußball“ in den Stadien richtet sich gegen die zunehmende Kommerzialisierung in Form von Stadienumbennungen, Umbau der Sportvereine in Firmen (GmbH und Aktiengesellschaften) und ins astronomisch steigende Spielergehälter in Zeiten des Sozialabbaus. Diese Entwicklung ist nicht auf Deutschland begrenzt, sondern vollzieht sich überall auf der Welt und wird nicht von einigen wenigen Mäzenen und Funktionären gesteuert sondern entspricht dem kapitalistischen Normalbetrieb: Wo Geld verdient werden kann, soll Geld verdient werden und das gilt im Fußball genau wie im Betrieb.

Wo sich Widerstand gegen diese Entwicklung entfaltet, wird er mit Repression konfrontiert. Diese Repression trifft die Ultrà-Bewegung in den Stadien ebenso, wie antikapitalistische AktivistInnen z.B. bei Gipfelprotesten oder streikende ArbeiterInnen vor den Fabriktoren. Wo also Menschen von Stadionverboten, Polizeigewalt, Ausperrungen sowie Strafverfahren und Knast betroffen sind, weil sie kapitalismuskritisch handeln, sollten gemeinsam Gegenstrategien entwickelt werden.
In diesem Beitrag wollen wir Möglichkeiten der linken Solidaritätsarbeit vorstellen.

Praktische Solidarität …
Sind linke AktivistInnen von Repression betroffen, ist allen klar „Betroffen sind einige gemeint sind wir alle“, denn wer von uns von den Repressionsorganen bespitzelt, schikaniert und verhaftet wird ist egal. Es geht nicht darum was der oder dem Einzelnen vorgeworfen wird. Linke Unterstützungsarbeit stellt die Solidarität mit denjenigen, die wegen ihres Engagements Repression erleiden müssen in den Vordergrund und nicht die Anschuldigungen der Gegenseite.

… im „mg-Prozess“
Im Juli 2007 wurden Florian, Oliver und Axel festgenommen, weil sie versucht haben sollen, Bundeswehrfahrzeuge anzuzünden. Nach ihrer Festnahme saßen sie fast vier Monate in Untersuchungshaft. Am gleichen Tag wurde auch Andrej in Berlin festgenommen und Wohnungen sowie Arbeitsplätze von drei weiteren Personen durchsucht. Der Vorwurf gegen alle sieben lautete: „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung gemäß §129a StGB“, der „militanten gruppe (mg)“.

Angehörige und FreundInnen der Verhafteten schlossen zusammen, forderten die Freiheit der politischen Gefangenen und kümmerte sich um eine offensive Öffentlichkeitsarbeit unterstützt wurden sie dabei von linken Gruppen und Initiativen aus der BRD und darüber hinaus. Auch durch den internationalen Druck einer breiteren Öffentlichkeit wurde Andrej aus der U-Haft entlassen.

Ein wichtiger Punkt war das Verfahren innerhalb der hannoverschen Linken präsent zu machen. Zu verschiedenen Anlässen wurden Beschuldigte für Veranstaltungen eingeladen und aus Hannover nahmen GenossInnen an den Prozesstagen in Berlin teil. Diese wiederum berichteten einer Interessierten Öffentlich von ihren Erfahrungen
Auf einer Veranstaltung zum Thema am internationalen Tag der politischen Gefangenen wurde über eine Beteiligung an einem bundesweiten Aktionstag diskutiert. Dieser sollte am Tag der Urteilsverkündung gegen die drei Angeklagten durchgeführt werden. Am 16. Oktober 2009 war dieser Tag gekommen. In an vielen Orten nicht nur in Deutschland gingen Menschen auf die Straße um gegen die Kriminalisierung des antimilitaristischen Widerstands und linker Bewegung zu protestieren oder führten andere Aktionen durch.

In Hannover regneten am frühen Abend Infoflyer durch die Etagen der Ernst August Gallerie und an zwei Brücken in alternativ geprägten Stadtteilen von Hannover wurden Transparent mit der Forderung nach der Freiheit der Gefangenen aufgehängt. Mit der Aktion sollten vor allem Menschen informiert werden, die von dem Prozess bisher noch nichts mitbekommen hatten. Weitere Informationen lieferten auch Wandzeitungen, die in der Nacht plakatiert wurden. Im März diesen Jahres wurde den Angeklagten das schriftliche Urteil über drei bis dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe zugestellt und die Anwälte haben ihre schriftliche Revisionsbegründung beim Bundesgerichtshof (BGH) eingereicht.

Der Kampf geht weiter – auch im Stadion!?
Die Unterstützung politischer Gefangener und allgemeiner die Unterstützung von Repression Betroffener sendet ein eindeutiges Signal: „Ihr seid nicht alleine“. Darüber hinaus eint dieses Thema die linke Bewegung über alle inhaltlichen Grabenkämpfe hinweg, denn wie bereits beschrieben könnten wir alle betroffen sein.
Ob sich diese Eckpunkte linker Solidaritätsarbeit 1:1 in einen Ultràkontext übernehmen lassen, müsst ihr in euren Gruppen entscheiden. Fraglich ist auch weiterhin, ob sich Ultras, über künstliche erzeugte Rivalitäten in lokalpatriotischer Form und vor allem dauerhaft auf solidarisches Miteinander der Ultràbewegung unabhängig ihrer Farben einlassen können und wollen. Denn auch hier müsste doch eigentlich gelten: „Betroffen sind einige, gemeint sind wir alle!“

Weitere Infos zum Verfahren gibt es auf
http://einstellung.so36.net
www.antifa-hannover.de

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Fußnote:
* Für uns sind auch Fußballstadien Orte politischer Auseinandersetzung. Themen und Form der Auseinandersetzung mögen andere sein, als in Parlamenten, auf Demonstrationen oder im Betrieb, doch trotz alledem vorhanden. Die immer gleiche Leier, dass „Politik nichts im Stadion zu suchen habe“, entbehrt daher jeder Grundlage. Es sei noch angemerkt, dass dies vor allem dann verkündet wird, wenn es um linke Aktionen im Stadion geht.